Rheinpfalz, 06.12.2025


Rheinpfalz, 06.12.2025

Tablet-Klassen auf dem Vormarsch

Tablet statt Tafel, Apps statt Arbeitsblätter – die Digitalisierung macht auch vor den Klassenzimmern nicht halt. Wie die Rudolf-Wihr-Realschule plus den digitalen Unterricht etabliert und welche Herausforderungen dabei bewältigt werden. 

VON EVA BRIECHLE 

LIMBURGERHOF. In Ruhe zu Hause einen Text laut vorlesen, das Ganze als Audiodatei an den Lehrer schicken und dann auf die Benotung warten: Was vor 20 Jahren noch völlig undenkbar war, ist heute in den Tablet-Klassen der Rudolf-Wihr-Realschule plus gelebte Praxis. „Für uns ist das eine enorme Zeitersparnis,“ sagt Schulleiter Mario Geil, der diese Vorgehensweise im Englischunterricht nutzt. Außerdem nehme es den Druck raus. „Die Kinder müssen nicht mehr nacheinander in der Klasse laut vorlesen, niemand muss sich blamiert oder unwohl fühlen, wenn es beim ersten Mal nicht direkt klappt.“ 

Vanessa Stauder ist unter anderem Deutschlehrerin und ebenfalls begeistert von den Möglichkeiten, die das digitale Arbeiten mit dem Tablet bietet. „In meiner Klasse haben die Kinder eigene Erklärvideos zum Thema Grammatik erstellt“, erzählt sie im RHEINPFALZ-Gespräch. Großen Spaß habe es ihren Schützlingen auch gemacht, selbst geschriebene Aufsätze zu bebildern – alles mithilfe von Apps, die auf dem Tablet installiert sind.

Schulung des Kollegiums 

Dass das Fazit in Sachen Tablet-Klasse seitens der Lehrkräfte so eindeutig positiv ausfällt, dürfte auch daran liegen, dass die Rudolf-Wihr-Realschule plus seit Jahren vor allem auf eines setzt: die Schulung des gesamten Kollegiums im Umgang mit der neuen Technik. „Bereits 2012 haben wir im Zuge des Projekts ,Medienkompetenz macht Schule’ unsere erste Auszeichnung erhalten“, erzählt Mario Geil. Seitdem sei konsequent an digitalen Konzepten gearbeitet worden. „Wir haben für das gesamte Kollegium eigene Geräte angeschafft und unser Personal fortlaufend weiterqualifiziert.“

Diese Pionierarbeit zahlt sich offenbar aus: Im Schuljahr 2019/2020 startete die erste Tablet-Klasse in der fünften Jahrgangsstufe – heute arbeiten bereits vier von insgesamt sieben Eingangsklassen mit Tablets. „Der Fokus liegt darauf, den sinnvollen Umgang mit den digitalen Geräten zu vermitteln“, betont Vanessa Stauder. „Wir Lehrkräfte können über Monitore die Nutzung der Tablets überwachen und sicherstellen, dass die Schülerinnen und Schüler sich von fachfremden Inhalten nicht ablenken lassen.“ In der Regel funktioniere das Zusammenspiel gut. „Ich erlebe die Kinder, die ich in den Tablet-Klassen unterrichte, als sehr motiviert“, sagt Stauder.

Schulleiter Mario Geil betont indes, dass der Unterricht in den Tablet-Klassen nicht ausschließlich digital gestaltet werde. Das Motto an der Rudolf-Wihr-Realschule plus laute: „So viel Tablet wie möglich, so viel Blatt wie nötig.“ Auf die Nutzung digitaler Bücher werde zum Beispiel verzichtet, auch Heftaufschriebe würden nicht gänzlich abgeschafft. „Anfangs fotografieren die Kinder Buchseiten und bearbeiten Aufgaben im Heft. Später erhalten sie dann Arbeitsblätter per AirDrop und bearbeiten diese direkt am Tablet“, beschreibt Musiklehrer Jens Schröder das Heranführen ans digitale Arbeiten. Mit Zustimmung der Lehrkräfte dürfe im Unterricht auch KI genutzt werden. Die Schülerinnen und Schüler stellten dabei schnell fest, dass nicht alle Antworten der Künstlichen Intelligenz korrekt sind. „So werden die Chancen und Grenzen digitaler Technologien schnell greifbar“, sagt Schröder.

Dass die Rudolf-Wihr-Realschule plus von Bildungsminister Sven Teuber (SPD) vor kurzem mit dem Siegel „Digitale Schule“ ausgezeichnet wurde, verwundert angesichts der Akribie, mit der die Verantwortlichen das Thema vorantreiben, nicht. Auch was die Hard- und Software betrifft, ist die Schule gut aufgestellt. „In den Klassenzimmern haben wir bislang digitale Whiteboards, die als Hybridgeräte mit Beamer und Schreibfunktion genutzt werden“, erläutert Mario Geil. Große, über Berührung steuerbare Displays sollen nun folgen und die weitere Modernisierung einleiten. „Mit speziellen Stiften können dann bis zu vier Kinder gleichzeitig an der digitalen Tafel arbeiten“, freut sich der Schulleiter. 

Schnell wird an dieser Stelle klar, welch’ großen Unterschied es macht, wenn ein Schulträger – in diesem Fall der Rhein-Pfalz-Kreis – finanziell gut aufgestellt ist. „Wie alle anderen Schulen bekommen wir für die technische Ausstattung natürlich finanzielle Mittel von Bund und Land über den Digitalpakt“, sagt Mario Geil. Davon unabhängig sorge die Kreisverwaltung allerdings seit Jahren dafür, dass zum Beispiel alle Klassenzimmer mit digitalen Tafeln und gut funktionierendem WLAN ausgestattet sind. „Im Bildungssystem herrscht diesbezüglich leider eine große Ungleichheit“, betont der Schulleiter. Vor allem, wenn man auf das Beispiel Ludwigshafen blicke, wo die Stadt als Schulträger hochverschuldet ist. „Hier in Limburgerhof haben wir hingegen sehr gute Voraussetzungen, um als Schule unser Konzept für digitales Lernen gut umsetzen zu können.“

Eltern zahlen Tablets selbst 

Für eine Teilnahme an der Tablet-Klasse der Rudolf-Wihr-Realschule plus müssen Eltern die Endgeräte ihrer Kinder selbst bezahlen. „In der Regel funktioniert das bislang ohne Probleme“, sagt Mario Geil. Auch die analog unterrichteten Klassen kämen allerdings nicht zu kurz: „Wir haben für diese Kinder Tablets, die ausgeliehen werden können, und setzen sie im Unterricht auch immer wieder ein.“

Bei aller Begeisterung über die digitalen Möglichkeiten wollen die Verantwortlichen bestehende Herausforderungen jedoch nicht ausblenden – etwa Konflikte über Bildschirmzeiten. „Aus unserer Sicht gibt es diese Problematik allerdings nicht, weil wir in der Schule Tablets nutzen“, erläutert Jens Schröder. „Eher, weil Jugendliche privat oft eine Vielzahl elektronischer Geräte besitzen und Online-Zeiten entsprechend ausufern können.“ Klar sei, dass es definierte Regeln brauche, damit Digitalisierung nicht zum Negativfaktor werde – das gelte sowohl für den schulischen als auch den privaten Bereich.

Handys verboten 

Ab der siebten Jahrgangsstufe – wenn die Klassen neu zusammengestellt werden – treffen Kinder aus den ehemaligen Tablet-Klassen wieder auf diejenigen, die in der fünften und sechsten Klasse analog unterrichtet wurden. Wie das funktioniert? „Die Lehrkräfte handhaben das dann flexibel“, sagt Mario Geil. „Wenn ich im Englischunterricht zum Beispiel das Thema Schottland behandle, erstellen einige Kinder ihre Präsentationen auf dem Tablet, andere gestalten ganz klassisch Plakate.“ 

Handys sind auf dem Schulgelände der Rudolf-Wihr-Realschule plus übrigens grundsätzlich verboten – es sei denn, Lehrkräfte initiieren gezielte Recherchen, für die das Smartphone im Unterricht benutzt werden darf. „Dieses Verbot ist gemeinsam mit Eltern und Schülern beschlossen worden, und es wird sich in der Regel auch gut daran gehalten“, sagt Mario Geil. Generell gelte an seiner Schule: „Digitale Medien sollen immer dann eingesetzt werden, wenn sie einen echten Mehrwert bieten.“ Dass diese Herangehensweise ein Weg ist, der gut angenommen wird, zeige die Reaktion vieler Familien. „Wenn Kinder bei uns bereits eine Tablet-Klasse besucht haben, wird das jüngere Geschwisterchen in aller Regel ebenfalls dafür angemeldet“, erzählt der Schulleiter.