
Schulleiter im Rhein-Pfalz-Kreis klagen an
RHEINPFALZ-Schulreport
Schulreport: An der Rudolf-Wihr-Realschule plus in Limburgerhof sind die Herausforderungen nicht mit denen der Schulen in Ludwigshafen vergleichbar. Probleme gibt es aber trotzdem.
LIMBURGERHOF. Mario Geil (47) ist seit 2019 Schulleiter an der Rudolf-Wihr-Realschule plus in Limburgerhof, Kati Rudolph ist seither seine Stellvertreterin. Sie haben selbst jeweils ein Kind und kennen daher die Herausforderungen an Schulen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im RHEINPFALZ-Interview mit Michael Wilkening äußern sich beide zur aktuellen Debatte über den Zustand an Schulen im Raum Ludwigshafen, erläutern ihre Motivation für den Job und erzählen, warum Eltern oft ein Teil des Problems sind.
Frau Rudolph, Herr Geil, würden Sie sich heute noch mal dazu entschließen, ein Lehramtsstudium zu beginnen, also Lehrkraft werden zu wollen?
Mario Geil: Ja, auf jeden Fall würde ich das wieder so entscheiden. Ich habe bislang noch keinen Tag bereut, an dem ich hier an die Schule gefahren bin. Jeder, der Lehrer wird, hat irgendwann mal am Ende des Teenie-Alters entschieden, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten zu wollen. Ich habe bis heute Freude daran. Es ist so, dass jeder, der den Beruf erwählt hat, Kindern grundsätzlich zugewandt ist.
Kati Rudolph: Mir geht es genauso. Wir haben diesen Beruf gewählt, weil wir aus Überzeugung Kinder auf ihrem Weg unterstützen wollen. Daran hat sich nichts geändert. Es macht Spaß, und es ist erfüllend, als Lehrerin mit Kindern arbeiten zu können.
Geil: Wir begleiten Kinder in ihrer Entwicklung und können mithelfen, sie auf das Leben als Erwachsener vorzubereiten. Das ist eine wunderbare Aufgabe.
Das überrascht insofern, weil aktuell viel über die Zustände an Schulen geredet wird, gerade in Ludwigshafen und Umgebung. Beispielsweise haben Lehrkräfte an der Karolina-Burger-Realschule plus in Ludwigshafen Probleme öffentlich gemacht, über die nun berichtet und debattiert wird. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
Geil: Es ist richtig und wichtig, dass dieses Thema in einer öffentlichen Debatte besprochen wird. Durch sie werden vielleicht Veränderungen und Verbesserungen angestoßen.
Gab es Reaktionen bei Ihnen, als die Zustände öffentlich wurden?
Rudolph: Bereits am nächsten Tag haben sich Eltern, deren Kinder auf der Karolina-Burger-Schule sind, bei uns gemeldet und gefragt, ob wir die Kinder aufnehmen können.
Können Sie?
Rudolph: Nein, wir haben keine Kapazitäten. Wir hatten 2019 495 Schülerinnen und Schüler, heute liegen wir bei 920, wir sind voll. Ein Wechsel innerhalb des Schuljahres ist ohnehin nur in Ausnahmefällen möglich.
An der Karolina-Burger-Realschule wird über Pöbeleien, Gewalt auch gegen Lehrkräfte und einen desolaten Zustand der Infrastruktur berichtet. Hand aufs Herz: Wie ist die Situation an der Rudolf-Wihr-Schule?
Geil: Bei uns stellt sich die Lage nicht so dar, worüber wir sehr froh sind. Wir haben Problemfälle, aber das sind aus unserer Sicht Einzelfälle, kein grundsätzliches Problem. Auch wenn ich damit nicht sagen möchte, dass wir nicht mit zunehmenden Herausforderungen zu kämpfen haben. Das geht, würde ich meinen, jeder Schule so. Hinsichtlich unserer Infrastruktur gibt es bei uns keinen Sanierungsstau, da haben wir großes Glück.
Woran liegt das?
Geil:Für unsere Infrastruktur ist die Kommune verantwortlich, also der Rhein-Pfalz-Kreis. Wir erfahren sehr viel Unterstützung, und es wird im Grunde alles ermöglicht, was wir anfragen. Ich denke, in anderen Kommunen, beispielsweise in Ludwigshafen, ist die Situation grundlegend anders. Das hilft uns bei der Arbeit mit den Kindern, weil wir nicht den Zwang haben, Mangel verwalten zu müssen.
Gibt es weitere Gründe, warum die Situation bei Ihnen eine andere ist?
Rudolph: Unser Einzugsgebiet ist ein anderes. Wir haben nicht so viele Kinder aus Problem-Stadtteilen, wie es sie in Ludwigshafen gibt.
Geil: Wir gehören, wenn man so will, im Rhein-Pfalz-Kreis zum Speckgürtel um Ludwigshafen. Durch das größere Einzugsgebiet kommen viele Kinder nur in der Schule zusammen und sehen sich in ihrer Freizeit nicht. Es werden deshalb nicht so viele Konflikte von der Straße in die Schule getragen. Das macht einen Unterschied.
Welche Rolle spielt die ADD, also die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, in Rheinland-Pfalz? Die Behörde des Landes steht oft in der Kritik.
Rudolph: Wir fühlen uns von der ADD super unterstützt. Wir erhalten Hilfe, sofern das möglich ist. Die ADD ist engagiert und tut, was sie tun kann.
Bedeutet das, die Rudolf-Wihr-Realschule ist ein Ort der Glückseligkeit?
Geil: Das ist nicht so, auch wir haben viele Herausforderungen, die wir meistern müssen. An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir klarmachen, dass wir sehr gut nachempfinden, wie es den Kolleginnen und Kollegen an der Karolina-Burger-Realschule und anderswo geht. Wir wissen, dass sie wie wir mit Leidenschaft und Herzblut ihrer Aufgabe nachgehen. Dass sie den Kindern helfen wollen. Aus Gesprächen wissen wir, dass die Kollegien an Schulen, die größere Probleme haben, meist sehr eng zusammenstehen und ein großes Wir-Gefühl entwickeln.
Welche Herausforderungen machen Ihnen an Ihrer Schule zu schaffen?
Rudolph: Aus meiner Perspektive ist es ein großes Problem, dass die Akzeptanz der Lehrkräfte zurückgegangen ist. Entscheidungen, die wir lange abgewogen haben und die auf unserer Ausbildung und viel Erfahrung beruhen, werden von Eltern oft schlicht nicht akzeptiert. Dabei wird vergessen, dass wir versuchen, alles im Sinn des Kindes zu tun.
Was genau ist damit gemeint? Sind Eltern das Problem?
Geil: Das lässt sich ganz sicher nicht verallgemeinern, wie viele Punkte im Umfeld Schule. Fakt ist aber, dass wir eine Problematik haben, die wir gerade schildern, dass Maßnahmen infrage gestellt werden. Dabei ist das Ziel das gleiche, die Schule möchte das Beste für das Kind – wie die Eltern.
Warum gibt es dann oft einen Dissens?
Geil: Das große Problem, das ich sehe: Jeder war an der Schule, jeder kennt das System Schule, und jeder meint, er kann wirklich mitreden. Bei einem Klempner würde sich niemand daneben stellen und sagen, er solle doch jetzt mal die andere Zange benutzen. Bei uns meint aber jeder, er kann seinen Senf dazugeben und erklären, wie es besser geht. Das fängt bei kleinen Dingen an und hört bei großen Sachen auf, wenn es beispielsweise darum geht, ob das Kind auf die Realschule oder das Gymnasium gehen soll.
Rudolph: Ein Problem ist, dass Eltern sehr oft Partei für ihr Kind ergreifen und nicht anerkennen wollen, wenn es Probleme gibt. Wenn Eltern ihre Kinder „rausboxen“ und die deshalb keine Konsequenzen erfahren, hilft das der Entwicklung nicht. Kinder werden in vielen Bereichen geschützt. Wenn es aus Sicht der Eltern zu viele Hausaufgaben gibt, wenn es eine Konsequenz für ein Fehlverhalten geben soll und so weiter.
Geil: Das Gefühl ist, dass im Elternhaus Konflikte vermieden werden. Kinder kommen dann an die Schule und haben keine Erfahrung damit, dass ihr Handeln Konsequenzen haben kann – auch im negativen Sinn.
Das klingt nach „Helikoptereltern“ …
Geil: Es gibt diese Eltern, aber dann auch wieder solche, von denen wir uns mehr Interesse wünschen würden. Manchmal erscheinen die Eltern mehrmals nicht zu Terminen, wenn über die Kinder gesprochen werden soll.
Rudolph: Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte, wäre das der, dass sich Eltern ihrer Pflichten besser bewusst würden. Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit mit den Eltern, die mit dem Vertrauen ausgefüllt ist, dass die Schule das Beste für die Kinder will. Wir haben selbst Kinder, weshalb ich den Reflex nachvollziehen kann, sich im ersten Moment vor das eigene Kind zu stellen. Aber danach muss die Bereitschaft da sein, über Probleme zu sprechen, um eine gute Lösung zu finden. Es geht immer um eine gemeinsame Arbeit am Kind. Die Ziele der Lehrkräfte sind immer, die Kinder zu einem möglichst guten Schulabschluss zu bringen und sie gut auf das Leben danach vorzubereiten.
Wenn Sie darüber hinaus einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Rudolph: Das ist relativ einfach. Wir würden uns mehr Lehrer wünschen. Aus dem einfachen Grund, weil wir dann intensiver und besser mit den Kindern arbeiten könnten. Wir wissen aber, dass dieser Wunsch an jeder Schule vorhanden und die Umsetzung kaum möglich ist. Alleine deshalb, weil es zu wenige Lehrkräfte gibt. |mxk

